Kritiken
Beeindruckend, wie großartig sie die Kunst äußerster Reduktion beherrscht. In eng gefügten Worten gelingt ihr der paradoxe Effekt guter Lyrik: Je weniger dasteht, desto gewaltiger die Explosion in den Köpfen von uns Lesern. … Gute Lyrik weckt das Abwesende.
Es ist nicht selbstverständlich, dass eine, die sie dreißig Jahre der Musik als Konzertpianistin und Schauspielmusikerin verschrieben hat, zur Lyrik findet. … rabensingen ist kein lautes Debüt. Mehr im Tonalen angesiedelt, rhythmisch und klanglich ausgewogen, tritt die Poesie dieses Bandes vor allem in den Dissonanzen zutage.
Sie wagt eine Identitätssuche, welche mit einer Bockwurst im Kurpark einer Kleinstadt beginnt und mit einigen Gedichten später in einer nervösen Stadt mit Dealern endet: „die romantik ist aus“. Sie fragt sich mehrmals, ob sie die Wildheit der großen Stadt noch liebt. Und am Ende dieser Sinnsuche unterstreicht sie: „ich vermisse den kochwäscheduft“ – den Waschkessel und die Großeltern. Am Ende bleibt nur die Musik. „Music is your only friend“, sangen The Doors in ihrem Grenzen auslotenden Epos When The Music’s Over. In Zepnicks gleichnamigen Gedicht herrscht eine ähnlich psychedelische Stimmung, glasige Augen, eine Autofahrt im Vollrausch.
Dass es sich bei rabensingen um ein Generationenbuch handelt, verdeutlicht schon die knappe Widmung „für die Eltern / für die Kinder“. … In dem Gedichtband vermag Anna Zepnick ihr Lesepublikum für die Schönheit auch der kratzigen Stimmen einzunehmen, für die Zeichnungen durch das Leben, für das Erhabene der Narben beim Darüberstreichen. Die Verse der Dichterin schwingen lange nach.